Geschichte

 

VINOSOPHIA

 

 

Weine und mehr

aus dem südwestlichen

Süden Frankreichs

 

VINOSOPHIA

WEIN UND PHILOSOPHIE

 

 

Schon seit über zehn Jahre gibt es - nun zumindest die Idee von Vinosophia.

 

Wie ist diese Verbindung von Wein und Philosophie entstanden?

 

Pardon, ich muß Ihnen jetzt mehrere Geschichten erzählen.

 

Vor nunmehr schon vielen Jahren, 1999, sass ich mit einigen Freunden und Bekannten unter einer großen alten Ulme. Es war ein milder Juniabend, der Wind vom Fluss strich durch die Zweige. Man hörte nur den Fluss, die Aude, rauschen, der neben dem 600 Jahre alten Gebäude schäumend daher kam.

 

Wir sassen während der Tagung „Pragmatismus und Idealismus“ vor dem Gebäude des Hotels L'Evêché in dem uralten Ort Alet-les-Bains, in den Corbieres, fast schon in den Pyrenäen.

 

Hotel de L'évêché - „Hotel zum Bischofssitz“ würde das wohl auf Deutsch heißen.

Denn das war es tatsächlichein mal gewesen: Ein Bischofssitz, neben dem jetzt noch die Ruinen einer Kathedrale in den tiefblauen Spätnachmittaghimmel ragten.

 

Dies war die letzte der zwölf Tagungen der Academie du Midi, die ich mit Freunden in den Chateaus und Klöstern Südfrankreichs organisiert hatte und die stets vom Rotwein nach den Vorträgen auf das Beste und Fruchtbarste aufgelockert worden waren.

 

Nach den Vorträgen dieser letzten kleinen Tagung hatte sich eine lockere Runde beim Wein gefunden: Philosophen, Geistes- und Kulturwissenschaftler aus den USA, China, Deutschland und England. Auch ein Mediziner, ein Psychiater aus Hannover namens Emrich mit seiner Frau sas dabei.

 

Einer in der Runde wäre sicher allen von Ihnen aufgefallen: Klein, ein langer Bart bis zum nicht unerheblichen Bauch, dazu noch lange Haare - eine richtige Mähne. Das war Robert Brandom, einer der heute berühmtesten und bedeutendsten amerikanischen Philosophen der USA der Gegenwart. „Meine Freunde“, sagte er, und wandte sich an mich: „Helmut, es ist einfach wunderschön hier.“ Er schwieg einen Augenblick, um dann die Geschichte einer ähnlichen Runde marxistischer Philosophen in einem idyllischen amerikanischen Ort zu erzählen.

 

Am Abend, nach schwergewichtigen Diskussionen über Revolution im Spätkapitalismus, sass man ebenso wie wir damals in Alet les Bains zusammen. Und dann sprach einer seiner tiefernsten marxistischen Freunde angesichts der Schönheit und des Friedens, das Wort, das nun auch Brandom auf die Szene im Garten des L‘évêché anwendete: „Unnecessarily beautiful“ - völlig unnötig schön, sei es hier.

 

Ich weiß nicht mehr genau, wie es zuging, aber in diesem Moment, nach dem Ausspruch Brandoms, kam mir die Idee, endlich einmal all jenen großen Philosophen, die allein den notwendigen Dingen hinterher denken, die das innere Wesen der Dinge gegen die unnötig, zufälligen Schönheit des Lebens und des Augenblicks ausspielen, einen Streich zu spielen.

Die Idee von Vinosophia war also, dem gravitätischen und weltentfremdeten Eulenernst der Philosophen etwas entgegenzusetzen. So entstand die Idee, die Beziehung zwischen Leben und Philosophie am Beispiel des Weins.

 

Noch eine zweite Geschichte ging in die Idee von Vinosophia ein. Sie hat ebenfalls mit Alet les Bains und der Academie du Midi zu tun.

Vor etlichen Jahren, Ende der 80iger Jahre hatten Günter Wohlfart - ein damals an wuppertaler Uni tätiger Philosophieprofessors - und ich sowie einige andere jüngere Philosophen und Wissenschaftler eine philosophische Gesellschaft gegründet.

Die Académie du Midi hielt internationale philosophische Symposien in einigen ruhigen Klöstern und Chateaus Südfrankreichs abzuhalten. Wir waren schließlich 40 bis 60 Philosophen und Wissenschaftler aus aller Welt - auch aus China, Australien und den USA - die sich in 20 - 30 Vorträgen mit Themen wie „Philosophie - Weisheit oder Wissenschaft?“ beschäftigten.

Eine deutsche Gesellschaft, die in Südfrankreich mit Teilnehmern aus aller Welt tagt? So etwas ist natürlich der Wissenschaftsförderungsbürokratie äußerst verdächtig. Wir begriffen langsam, daß ein wesentliches Interesse dieser Institutionen darin besteht, Gründe zu suchen, um Anträge auf Förderung abzulehnen.

 

Alle Mühen, irgendeine finanzielle Unterstützung zu erhalten, schlugen also fehl. Zum schlechten und endgültigen Ende unserer Versuche kam es dann als ein unbekannter Gutachter der Thyssen-Stiftung unseren Antrag auf Förderung für ein Symposium über Theorien des Lichts und des Sehens mit der Begründung ablehnte, es handele sich doch nur um eine "Rotwein-Akademie" und sei - schon wegen der engen Beziehung, die da zwischen Philosophie, Rotwein und dem südfranzösischen Ambiente hergestellt werde -, keineswegs förderungswürdig.

 

Wir haben dann mit dem inzwischen üblichen System der Selbstausbeutung noch viele weitere Jahre Tagungen organisiert, die meisten davon in Alet les Bains.

 

Den „Wein des Philosophen“ und der Handel mit philosophischen Weinen entstand, um das, was die marxistischen Philosophen als „unnötigerweise schön“ bezeichnet hatten und was der Thyssen-Gutachter leugnete, die Beziehung von philosophischen und weininspirierten Hinausdenken über den Philosophenalltag, lustvoller und fantasievoller Lebenserfahrung, wieder herzustellen.

 

Dies war gerade dort wichtig, wo die gedankliche Anspannung durch die Intensität von Tagungen noch verstärkt wurde. Die angemessene Antwort auf das Wort von der „Rotwein-Akademie“ war deshalb: Für die Académie du Midi sollte es einen „Wein des Philosophen“ geben.

Zum „Wein des Philosophen“ ernannte ich jenen Wein, den ich seit vielen Jahren mit vielen Philosophen getrunken hatte.

 

Dieser Corbiéres aus dem schönen Dörfchen Fabrezan ist ein Wein, den ich schon seit Jahren schätzte. Zu ihm war ich, nach etlichen kostspieligen Enttäuschungen, immer wieder zurückgekehrt war. Ich hatte diesen fruchtig-sanften Wein bereits über viele Jahre mit vielen Freunden und Bekannten anläßlich der unterschiedlichsten Lebenslagen, Stimmungen und Gespräche getrunken.

 

Seiner denkentspannend-belebenden Wirkungen war ich mir sicher. So orderte ich zum ersten Mal 1000 Flaschen dieses Weins, der bei den Teilnehmern des Symposiums unserer Academie großen Anklang fand. „Wein des Philosophen“ war lange Jahre das erste und einzige Produkt von Vinosophia, das von einem immer größer werdenden Kreis von Menschen gekauft wurde.

 

Aber es gibt noch eine dritte Geschichte zu erzählen, die von Alet-les-Bains, der Academie-du Midi und dem seltsamen Verhältnis von Philosophie, Leben und Geschichte handelt, das uns seine Zufälligkeit und nicht notwendige Schönheit überraschend und hinterrücks in Erinnerung bringt.

 

Wir verlassen Frankreich und Alet les Bains und befinden uns in Italien, im Norden. In der Nähe von Florenz findet eine philosophische Tagung statt und die Teilnehmer besuchen Florenz.

Wie die meisten hatte ich vor, die Uffizien mit ihrer wunderbaren Gemäldesammlung zu besuchen.

Doch: eine lange Schlange von Wartenden zeigte an: Hier würde ich eine Stunde oder länger stehen, bevor ich mich mit der Menge an den Gemälden würde vorbei bewegen dürfen.

 

Aber es gab ja noch den Palazo Vecchio, das alte Rathaus von Florenz, der ebenfalls interessant sein sollte. Und dort standen keinen Schlangen. So schritt ich durch die ehrwürdigen Hallen, blickte auf prachtvolle Statuen und Gemälde, stand in prunkvollen Räume.

 

Bis ich einer Landkarte von Europa gegenüberstand: Einem riesigen Ölgemälde aus dem 15. Oder 16. Jh., 2 auf 3 Meter vielleicht, das alle Ländern und großen Städte zeigte. Längere Zeit blieb ich vor dieser gemalten Karte stehen. Denn einiges an ihr schien irgendwie seltsam und nicht recht zu stimmen. Dann begriff ich: Die Karte zeigte vor allem die Orte und Länder besonders genau, die für das damalige Florenz wichtig gewesen war. Zur Orientierung blickte ich auf jenen Teil des Gemäldes, der Südfrankreich zeigte. Und da prankte doch, dick und fett, das heute so kleine Örtchen, ein Dorf mit nicht einmal 500 Einwohnern! Wie konnte das sein? Alet war einstmals eine bedeutende Stadt gewesen.

 

Schon zu Zeiten der Römer waren die Wasser zur Kur benutzt und getrunken worden. Alet-les-Bains war einst eine bedeutende, von einer Mauer umgebende Stadt mit eigener Abtei, mit einem Bischofsitz, Kathedrale und sogar einem jüdischen Getto. Es gibt jetzt noch einen Platz der Botschafter und viele palastähnliche mittelalterliche Häuser.

 

Seit 813, war Alet der Sitz einer Benediktiner Abtei. Im 12. Jh. dann war Alet zu einem bekannten und beliebten Wallfahrtsort geworden, der über beachtliche Teile des wahren heiligen Kreuzes verfügte.

Die Abtei wurde 1317 von Papst Johannes dem XXII zum Episkopat erhoben und eine Kathedrale neben sie gebaut, die in den folgenden Jahrhunderten stetig erneuert und erweitert wurde.

In den Religionskriegen wurde die Kathedrale 1577 von den Hugenotten zerstört und ist seitdem nicht wieder aufgebaut worden. Der berühmteste Bischof von Alet hieß Nicolas Pavillon, ein Jansenist, der durch seinen Widerstand gegen päpstliche Ansprüche bekannt wurde.

 

Er war Bischof von Alet von 1637 bis 1677 und entschied sich, die beschädigte Kathedrale nicht zu reparieren. Stattdessen baute er eine Brücke über die Aude, schuf ein Bewässerungssystem, ein Priesterseminar und ließ den Bischofssitz renovieren, einen Park anlegen und dort Bäume pflanzen. Eben jenen Park, indem wir im Juni des Jahres 1999 unter der großen, dicken Linde sassen. Jenen 3 Hektar großen Park an der Aude, den Robert Brandom so „unnötig schön“ fand und indem die Idee zur Gründung von Vinosophia entstand. Übrigens: Erst am 29. November 1801 wurde die Diözese Alet aufgelöst und die Gebäude und Ländereien des Bischofssitzes verkauft.

Die erhaltenen zwei Türme der Abtei, ihre Säulen und Mauern zählen einige Menschen zu den schönsten Ruinen Frankreichs. Ich bin einer dieser Menschen.

 

Die Vinosophia Geschichte

 

Pragmatismus, Idealismus und Vinosophia

 

Wie in einem ehemaligen Bischofssitz in Südfrankreich bei einer Tagung über Pragmatismus und Idealismus ein erster Vinosophia-Wein gereicht wurde

 

Copyright © All Rights Reserved.